Ergotherapie auf Bali

Ein grosser Traum von mir war es schon seit Beginn meiner Ausbildung zur Ergotherapeutin: Einmal im Ausland arbeiten und erleben, wie mein Beruf in einem ganz anderen kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld aussieht. Im Jahr 2020 hatte ich dies geplant, doch dann kam leider diese nervige Pandemie, und ich musste es immer wieder verschieben – bis jetzt, auf unserer Reise.

Da wir beide der Meinung waren, dass wir eine Pause vom Reisen brauchen und Philippe sowieso seine Masterarbeit schreiben muss, haben wir uns für Bali entschieden – ein Ort, den wir bereits kennen, der alles bietet, was wir brauchen, und zudem die Möglichkeit gibt, Einblick in die Versorgung von Menschen mit Beeinträchtigungen zu erhalten.

So habe ich die letzten 2,5 Monate im YPK verbracht – einer Institution für mehrheitlich Kinder mit körperlichen, teils auch geistigen Behinderungen. Philippe hat sich in unserem gemütlichen Häuschen seiner Masterarbeit gewidmet.

Yayasan Peduli Kemanusiaan Bali

Das YPK ist Teil des Annika Linden Centers. Zum Zentrum gehören neben dem YPK auch eine Einrichtung für Prothetik sowie eine Organisation, die Hörabklärungen in Schulen durchführt. Jede Abteilung arbeitet unabhängig, sie sind aber alle am gleichen Ort zu Hause.

„Yayasan Peduli Kemanusiaan“ bedeutet so viel wie „Stiftung für Menschlichkeit“ und legt den Fokus auf Rehabilitation und Bildung von Kindern mit Behinderungen. Die Kinder erhalten vor Ort Zugang zu schulischer Bildung und Physiotherapie. Die gesamte Behandlung ist kostenfrei und wird durch Spenden finanziert.

Neben Kindern werden teilweise auch Erwachsene nach einem Schlaganfall behandelt. Ausserdem fährt das Team in verschiedene Dörfer auf ganz Bali, um dort vor Ort Behandlungen anzubieten. Das Angebot ist vielfältig: Neben klassischen Schulfächern wie Lesen, Rechnen und Schreiben gibt es Aktivitäten wie Musizieren, Kochen, Basteln oder Schwimmen.

Viele dieser Angebote werden von freiwilligen Helferinnen und Helfern aus aller Welt einmalig oder regelmässig durchgeführt. Parallel dazu findet Physiotherapie oder eigenständiges Training im kleinen Fitnessraum statt.

Ergotherapie

Eine Ausbildung in Ergotherapie ist auf Bali nicht möglich. In ganz Indonesien gibt es nur auf der Hauptinsel Java die Möglichkeit zur Ausbildung – und dies auch nur für eine sehr kleine Anzahl Studierender. Wie bei uns herrscht also auch in Indonesien ein grosser Mangel an Ergotherapeutinnen und -therapeuten.

Eine offizielle ergotherapeutische Behandlung konnte ich auf Bali nicht finden – falls es sie gibt, dann bestimmt nicht für die ärmere Bevölkerung. Genau hier setzt das YPK an: Es bietet Familien, die sich eine Behandlung nicht leisten könnten, die Möglichkeit, ihre Kinder kostenlos behandeln zu lassen. Viele reisen dafür ein- oder mehrmals wöchentlich aus allen Teilen Balis in die Hauptstadt.

Leider ist vor Ort keine ausgebildete Fachperson für Ergotherapie oder Logopädie tätig. Die Lehrerinnen, die mit den Kindern arbeiten, haben sich durch Weiterbildungen oder Internetrecherche über ergotherapeutische Ansätze informiert und versuchen, diese bestmöglich in ihren Alltag einzubinden.

Meine Aufgabe vor Ort

Genau da kam ich ins Spiel. Gemeinsam mit den Lehrerinnen habe ich verschiedene Übungen für Kinder besprochen und ausprobiert, bei denen sie sich Unterstützung wünschten.

Meine Hauptaufgaben lagen jedoch eher im Hintergrund. Ich habe ein Übungsheft erstellt, das nun gedruckt und in den Dörfern verteilt werden kann – für Familien, die keinen direkten Zugang zum YPK haben, aber selbständig mit ihren Kindern arbeiten möchten. Ausserdem habe ich eine Guideline mit allgemeinen Behandlungsvorschlägen und ergotherapeutischen Ansätzen geschrieben.

Diese Aufgaben waren sicherlich nachhaltiger, aber für mich persönlich auch frustrierend. Ich bin es nicht gewohnt, vor allem im Büro zu sitzen, und hätte gerne aktiver mitgearbeitet.

Meine Erfahrungen

Im YPK arbeiten ausschliesslich Indonesier. Die erste Herausforderung war daher die Sprachbarriere: Nur wenige sprechen gut Englisch, und viele fühlen sich unsicher, es zu verwenden. Mein Indonesisch reicht zum Essen bestellen, aber nicht für richtige Gespräche – so war es schwierig, Anschluss zu finden.

Die Physiotherapie vor Ort unterscheidet sich stark von dem, was ich aus der Schweiz kenne. Ich möchte nicht werten, was besser ist – es sind einfach unterschiedliche Ansätze, und für mich war es ein spannender Einblick.

Wie erwähnt, wird Ergotherapie nicht explizit angeboten. Die Lehrerinnen bemühen sich jedoch sehr, alltagsorientierte Aufgaben mit den Kindern umzusetzen. Die Rahmenbedingungen sind jedoch stark eingeschränkt: Es gibt einen grossen Raum für den Unterricht, ein kleines Fitnesszentrum und einen Raum für Physiotherapie. Privatsphäre oder Ruhe fehlen – was für manche Behandlungen sicher hilfreich wäre.

Die Zeit im YPK hat mir wieder einmal gezeigt, was für ein Privileg wir in der Schweiz haben. Unsere Gesundheitsversorgung ist hervorragend. Natürlich läuft auch bei uns nicht alles perfekt, und Diskussionen mit der Krankenkasse sind auch mir als Ergotherapeutin bekannt – aber grundsätzlich haben wir Zugang zu einer Vielzahl an Möglichkeiten.

Die Kinder hier auf Bali erhalten durch das YPK immerhin einen kleinen Teil dieser Möglichkeiten – was auch in Indonesien ein grosses Privileg ist. Menschen mit Behinderungen sind in Indonesien oft stark stigmatisiert. In der balinesischen Kultur gelten Behinderungen teils als Bestrafung für schlechtes Karma aus einem früheren Leben. Betroffene ziehen sich oft zurück und leben isoliert.

Zudem fehlt es an Infrastruktur: Wenn überhaupt ein Rollstuhl vorhanden ist, kann er kaum genutzt werden – die Häuser sind nicht rollstuhlgerecht, und auch die Strassen oft ungeeignet.

Die Menschen müssen kreativ werden, benötigen viel Unterstützung durch ihre Familien und haben nur wenige Perspektiven.

Die Zeit im YPK war spannend, teils aber auch herausfordernd für mich. Ich hatte mir meine Aufgaben anders vorgestellt – ich hatte gehofft, mehr praktische Therapie machen zu können. Dass keine Ergotherapie angeboten wird, wusste ich im Vorfeld nicht. So war ich vor allem mit Computerarbeit beschäftigt. Rückblickend hätte ich vieles auch von zu Hause aus erledigen können. Trotzdem wollte ich vor Ort sein – und konnte bei Aktivitäten wie der Musikstunde regelmässig mitmachen.

Das Angebot, mich bei schwierigen Fällen hinzuzuziehen, haben sie nur sehr wenig genutzt und ich wollte mich nicht aufzwingen und habe somit selber auch zu wenig die Initiative ergriffen. Dennoch weiss ich, dass ich zumindest einen kleinen Beitrag leisten konnte, und bin sehr dankbar für diesen Einblick.

Nach knapp 2,5 Monaten habe ich mich vom YPK verabschiedet. Zum Abschied haben sich einige der Mitarbeitenden im Schulzimmer versammelt und mir ein T-Shirt geschenkt, das ich nun mit Stolz trage. Es war eine interessante Zeit – aber ich bin auch froh, dass sie vorbei ist.

P.S. Einige von euch haben es vielleicht auf den sozialen Medien schon gesehen, aber ich hänge den Spendenlink hier trotzdem nochmals an. Es kann direkt über die Internetseite des YPK‘s Geld gesendet oder eine Patenschaft für die Therapie eines Kindes übernommen werden. Als Alternative könnt ihr bei Interesse direkt an mich oder über meinen Spendenlink Geld senden. Bitte fühlt euch nicht verpflichtet, etwas bei zu steuern! Aber Fragen kostest ja nichts und vielleicht gibt es ja hier noch der Eine oder Andere, der ein paar Franken an das YPK spenden möchte, um das tolle Angebot aufrecht halten zu können.

https://www.gofundme.com/f/ypk-children-with-disabilities-in-bali-indonesia

https://ypkbali.org


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Ein Kommentar zu „Ergotherapie auf Bali

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