Seoul und (fast) Nordkorea

Der letzte Stopp für uns in Südkorea war die Hauptstadt. Nach fast zwei Wochen in diesem tollen Land waren wir extrem gespannt auf diese Grossstadt. Wir hatten schon sehr viel Gutes gehört – die Erwartungen waren hoch. Ob sie erfüllt wurden? Mal schauen.

Wir hatten Glück und bekamen noch eines der letzten Zimmer in einer einigermassen bezahlbaren Unterkunft in Toplage. Wir waren mitten im Geschehen, mit der Einkaufsstrasse samt Streetfood-Ständen, vielen Restaurants und der U-Bahn-Station direkt in der Nachbarschaft.

Da Anfang Oktober in Südkorea mehrere Feiertage stattfinden, war vieles schon ausgebucht und die Stadt entsprechend belebt. Während unserer Tage in Seoul mussten wir leider feststellen, dass viele Restaurants und Cafés während der Feiertage geschlossen hatten – entsprechend war die Auswahl deutlich eingeschränkter. Zusätzlich war das Wetter leider nicht besonders gut, sodass wir mehr Zeit drinnen verbrachten, als uns lieb war. Trotzdem haben wir einige der geplanten Sehenswürdigkeiten gesehen.

Die ersten Tage erkundeten wir grösstenteils die nähere Umgebung unserer Unterkunft zu Fuss. Philippe ist grosser Fan des Online-Spiels League of Legends, das in Südkorea etwa so bekannt ist wie bei uns die grossen Fussballligen. Da im Oktober aber die Weltmeisterschaft in China begann, waren die Trainingsräume der Teams leer und im Umbau. So konnten wir zwar das Gebäude besuchen, aber leider keinen Blick in die Trainingsbereiche werfen.

Da das Wetter recht regnerisch war, liessen wir die klassischen Sehenswürdigkeiten vorerst aus. Stattdessen verbrachten wir die Zeit mit Lädele, an Spielautomaten, beim Karaoke-Singen, im Studentenviertel, beim Wäschewaschen und gemütlich in Cafés.

DMZ Tour

Die klassische Tour in die sogenannte demilitarisierte Zone (DMZ) zwischen Nord- und Südkorea wollten natürlich auch wir mitmachen. Also buchten wir frühzeitig unsere Tickets und starteten pünktlich in Seoul. Die DMZ liegt weniger als eine Stunde von Seoul entfernt und zieht täglich zahlreiche Besucher an.

Die Zone wurde im Zuge des Waffenstillstandsabkommens nach dem Koreakrieg eingerichtet und soll militärische Auseinandersetzungen verhindern. Sie ist etwa 4 km breit und 250 km lang – und gilt als eine der am stärksten bewachten Grenzen der Welt.

Leider kam direkt zu Beginn der Tour ein Dämpfer: Wir konnten die DMZ selbst gar nicht betreten – die Tickets dafür waren bereits ausgebucht.

Die Organisation vor Ort fanden wir enttäuschend. Denn obwohl wir die Tour offiziell gebucht hatten, war nicht garantiert, dass alle Busse auch tatsächlich in die DMZ hineinfahren dürfen. Frei nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ wurden die begrenzten Zugangs-Tickets verteilt – unabhängig von der Buchung.

Zusätzlich erschwerte ein weiterer Faktor die Situation: Wegen der Feiertage fand die Tour an diesem Tag ausnahmsweise nur einmal in der Woche statt. Viele, die an anderen Tagen gebucht hatten, wurden auf denselben Tag umgebucht. Dadurch war die Chance auf Tickets nochmals geringer.

Wir waren also nur fast in fast Nordkorea – und entsprechend enttäuscht, denn der Besuch der DMZ war der Hauptgrund für die Teilnahme an dieser Tour. Die Stimmung in der Gruppe war nach dieser Nachricht, kombiniert mit schlechtem Wetter, verständlicherweise ziemlich niedergeschlagen.

Zwar gab es weitere Stopps, darunter Memorials und Aussichtspunkte, aber die meisten davon fanden wir – abgesehen von zwei Ausnahmen – eher uninteressant und nicht der Grund, weshalb wir die Tour gebucht hatten.

Ein besonders spannender Programmpunkt war jedoch das Treffen mit einer geflüchteten Nordkoreanerin. Obwohl immer wieder über das Leben in Nordkorea berichtet wird, war es doch spannend, die Geschichte einer Nordkoreanerin zu hören. Sie erzählte offen von ihrem früheren Leben in Nordkorea und ihrer Flucht: Sie entkam über den Fluss nach China und gelangte dann über Laos nach Thailand, von wo aus sie schliesslich mit Unterstützung nach Südkorea reisen konnte. Nordkoreanische Geflüchtete erhalten bei Ankunft in Südkorea automatisch die südkoreanische Staatsbürgerschaft.

Einblicke ins Leben in Nordkorea

Die Frau stammte aus einer Mittelklasse-Familie. Sie berichtete, dass alle, die aus Nordkorea fliehen, ihre Familie damit einem grossen Risiko aussetzen – denn Folter und Strafen für Zurückgebliebene sind üblich und werden je nach sozialer Schicht unterschiedlich durchgeführt.

Die medizinische Versorgung sei extrem rückständig – vergleichbar mit dem Stand der 1940er Jahre in westlichen Ländern. Medikamente gibt es nur über den Schwarzmarkt, selbst einfache Blutuntersuchungen sind für die Bevölkerung kaum möglich.

Viele Nordkoreaner erfahren nur durch illegale Filme oder Radioprogramme von der Welt ausserhalb. In der Schule wird Südkorea als extrem armes Land dargestellt – und der Rest der Welt kommt im Unterricht praktisch nicht vor.

In jedem Haus und öffentlichen Gebäude müssen Porträts der drei Diktatoren hängen – perfekt gerade ausgerichtet. Sie gelten als das Heiligste im Haus.

In den Grenzgebieten betreiben sowohl Nord- als auch Südkorea massive Propaganda. Südkorea lässt lautstark K-Pop-Musik laufen und schickt Ballons mit Geld über die Grenze, um den Nordkoreanern zu zeigen, wie das Leben ausserhalb aussieht.

Nordkorea reagiert darauf mit eigenen Ballons – gefüllt mit Müll oder sogar Beuteln mit Exkrementen. Dort wird den Menschen beigebracht, dass das Leben in Südkorea nichts Gutes ist.

Der letzte Stopp der Tour – und für uns das Highlight – war ein Observatorium, von dem aus wir doch noch Nordkorea sehen konnten.

Auch wenn das Wetter an diesem Tag eher schlecht war und die Sicht eingeschränkt blieb, konnten wir immerhin einen Blick auf das Land werfen. Entlang der Grenze wurden Propagandastädte errichtet– Siedlungen, die bewohnt aussehen, in denen aber keine Menschen leben.

Während der Tour sprach unser Guide immer von „Korea“ und „Nordkorea“, was wir sehr interessant fanden. Viele Südkoreaner wünschen sich tatsächlich eine Wiedervereinigung, allerdings nach ihren Bedingungen und Lebensstandards. Nordkorea betrachten sie als ihr Volk, das sie befreien möchten. Gleichzeitig ist die Situation in der DMZ aktuell ruhig, und niemand möchte den Frieden riskieren.

Sightseeing Tag in Seoul

Unser letzter Tag in Seoul war wettertechnisch wunderschön und daher vollgepackt mit Sightseeing. Schliesslich wollten wir doch noch etwas mehr von der Stadt sehen.

Gestartet sind wir beim Lotte World Tower, dem sechsthöchsten Gebäude der Welt, das eine beeindruckende Aussicht über die ganze Stadt bietet. Dass wir am schönsten Tag während der Feiertage lange anstehen müssen, war uns klar. So fuhren wir etwa eine Stunde nach Ankunft beim Turm in den 117. Stock. Es gibt zwei kleine Aussenterrassen, den Rest der Aussicht bewunderten wir von innen – was bei dem tollen Wetter natürlich etwas schade war. Dennoch war der Blick atemberaubend. Erst durch solche Aussichtspunkte wird einem bewusst, wie riesig diese Stadt eigentlich ist.

Nach dem Turm fuhren wir weiter in ein Viertel, das durch eines der ersten südkoreanischen Lieder in Europa internationale Bekanntheit erlangte. Es handelt sich um das Geschäfts- und Luxusviertel Gangnam – vielen bekannt durch den Song „Gangnam Style“ von PSY. Der Song überzeugt mit seinem einprägsamen Tanz und der ansteckenden Musik und war in den Jahren 2012 bis 2017 mit etwa 806 Millionen Aufrufen das meistgesehene Video auf YouTube. Im Viertel wurde dem Song sogar eine Statue gewidmet – der Hauptgrund unseres Besuchs dort.

Wir hatten eigentlich zwei Aussichtspunkte geplant. Einer davon war von unserem Hostel nicht allzu weit entfernt und über eine Gondel oder eine etwa einstündige Treppe erreichbar. Da das Wetter an den Abenden zuvor immer schlecht gewesen war, hatten wir den Besuch bis zum letzten Abend aufgeschoben.

Da wir zeitlich etwas knapp dran waren und vom langen Tag bereits ziemlich müde, wollten wir es dem Zufall überlassen, ob bei der Gondel viel los war. Das Ende der Schlange konnten wir gar nicht erst finden – also entschieden wir uns schnell dagegen. Den kompletten Weg zu Fuss hochzugehen wollten wir auch nicht mehr, daher stoppten wir an einer Stelle auf halbem Weg, die bereits eine grossartige Aussicht bot.

Das Wetter meinte es gut mit uns und schenkte uns ein letztes Highlight zum Abschied aus Südkorea: einen traumhaften Sonnenuntergang über der Stadt.

Für uns war Seoul leider nicht ganz den Hype wert, der uns zuvor vermittelt wurde. Vielleicht lag es daran, dass wir bereits viele andere tolle Orte in Südkorea gesehen hatten – und die Erwartungen dadurch einfach zu hoch waren. Das schlechte Wetter, die Feiertage und die enttäuschende DMZ-Tour trugen sicher auch dazu bei.

Wir können aber definitiv nachvollziehen, was viele an Seoul so sehr mögen und warum die Stadt so viel Lob bekommt. Für uns persönlich hat sie jedoch nicht alles erfüllt.

Trotzdem würden wir eine Reise nach Seoul definitiv empfehlen – vor allem in Kombination mit weiteren Teilen dieses faszinierenden Landes.


Entdecke mehr von swizzontour

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar